Mehr Schein als Sein oder Willkommen in der Realität

Als Mutti sich nach dem Schlaganfall wünschte, zuhause gepflegt zu werden und nicht in ein Heim gehen zu müssen, war mir klar „dabei brauchen wir Hilfe“!

Mutti lebte allein in ihrem Haus und das würde wegen ihrer Einschränkungen nicht mehr gehen; entweder ich würd mich scheiden lassen, den Hund verkaufen und zu Mutti ziehen oder eine 24Std.-Hilfe mußte her! Die berühmte „Polin“!

Es gibt da verschiedene Möglichkeiten, aus denen man ganz nach Risikofreude oder Geldbeutel wählen kann:

  1. Eine Dame schwarz beschäftigen – der Markt scheint riesig!
  2. Eine Dame als Minijobberin bei der Minijobzentrale anmelden, dann ist sie versichert … und den Großteil schwarz an sie zahlen – auch dieser Markt scheint riesig!
  3. Eine Dame anstellen, sie versichern, Abgaben hier und da zahlen, die deutschen Gesetze befolgen (Arbeitszeit, Arbeitsschutz, Mindestlohn, …..) – eigentlich nur Menschen mit Personalabteilung oä zu empfehlen!
  4. Einen Vertrag mit einer Personalagentur in Polen schließen, die sich um alles kümmern und nach dem Arbeitnehmerentsendungsgesetz arbeiten! Der Markt ist riesig!
  5. Einen Vertrag mit einer deutschen Agentur schließen, die mit polnischen Partneragenturen zusammenarbeitet … weiter wie Punkt 4! Vorteil hierbei: Gerichtsstand Deutschland, Deutsch sprechende Vertragspartner, … Nachteil: je mehr Agenturen verdienen wollen, desto teurer!

Der Einfachheit halber entschieden wir uns für Variante 5! Schnell stellten wir fest, daß auch hier der Markt riesig ist …

2009 hat die Stiftung Warentest mal solche Agenturen getestet – ich fragte also bei den Testsiegern nach und bekam schnell eine Menge Hochglanzprospekte zugesant, die die Vorteile einer 24Std-Hilfe aus Polen und sich selber lobten! Alle Fragebögen und Bedarfsermittlungen füllte ich gewissenhaft aus, gab telefonische Interviews und begann mit dem Umbau der ehemaligen Kinderzimmer im Dachgeschoß des Elternhauses, um eine kleine Wohnung für die „Polin“ herzurichten!

Mindeststandart für die Damen oder Herren aus Osteuropa ist ein abschließbares Zimmer und die Bad-Mitbenutzung; das wäre Mutti sicher unangenehm, daher der große Umbau im Dachgeschoß!

Die bundesweit agierenden Agenturen versprachen, nach unseren Bedürfnissen Personal auszuwählen und mehrere Vorschläge zu unterbreiten – in zwei bis drei Wochen könnten wir dann eine Dame auswählen, die Mutti betreut, bei uns wohnt, den Haushalt führt und bei der Pflege hilft!

Bis heute werben diese Agenturen, die Testsieger, mit den beschriebenen Versprechen!

Jeden Tag erwartete ich also ungeduldig die versprochenen Personalvorschläge – doch Postkasten und email blieben leer! Woche um Woche verstrich! Telefonische Nachfragen wurden unfreundlich quittiert, man habe mir gesagt, das sei schwierig, der Markt sei leergefegt, in Polen seien Sommerferien, in Polen sei auch ein Jahrhundertsommer …

Besonders enttäuscht hat die Agentur Actiovita – besonders nett, aber auch erfolglos waren die Pflegehelden!

Willkommen in der Realität! Ich schaltete noch mehr Agenturen ein, ging andere Wege, um selber Personal zu rekrutieren und die Zeit rannte davon; ich sah mich doch schon geschieden, ohne Hund aber völlig überfordert mit Mutti …

Und dann bekam ich die Telefonnummer einer Agentur mit sehr guten Referenzen! Dort rief ich mittags an und unterhielt mich lange mit der Geschäftsführerin! Sie wollte uns und den Einsatzort gern kennenlernen und kam mit ihrem Gatten noch am selben Abend! Das fand ich super und kannte es so von den anderen Agenturen nicht!

Wir plauderten 2 Stündchen und noch an diesem Abend rief sie „unsere Magda“ in Polen an, ob sie zu uns kommen wolle … und eine knappe Woche später war sie da 😉

Diese Agentur macht keine Werbung im Internet oder sonstwo, sondern lebt von der Weiterempfehlung! Die Einsatzzeit der Damen ist 8Wochen, dann werden sie für 4 Wochen abgelöst und kommen dann wieder für weitere 8Wochen nach Deutschland … und immer so weiter! Und es sollen im Normalfall auch nicht mehr als diese zwei Damen für eine Familie zuständig sein!

Im Krankheitsfall oder wenns mal zwischenmenschlich nicht paßt, sichert die Agentur schnelle Hilfe zu! Auf keinen Fall steht man ohne Hilfe da!

Morgen ist nach 8Wochen unser erster Personalwechsel! Ich bin verheiratet, habe einen Hund, hab gut zu tun mit Muttis Pflege und dem ganzen Drumrum, bin oft müde und kaputt aber glücklich!

Gute Aussichten in den Herbst und aufs Frühjahr

Vom Schlafzimmer aus schaut Mutti über ihre Terrasse in den sich langsam bunt färbenden Sauerländer Forst! Die Bepflanzung der großen Blumenkästen, die die Terrasse begrenzen, hat den heißen Sommer ohne Pflege und Wasser nicht überstanden!

Wir haben sie komplett ausgeräumt und neu befüllt! Da der Klimawandel uns sicher mehr heiße und regenarme Sommer bringen wird, wurden die Kästen mit einer Mischung aus je einem Drittel Lava, guter Pflanzerde vom Gärtner und Kies gefüllt! Hier hinein pflanz ich jetzt Büsche, Rosen und Stauden, die auch mal trockene Zeiten ab können, pflegeleicht, ganzjährig schön, insektenfreundlich und starkregenfest sind … und vor allem der Mutti gefallen!!!

Sie wünscht sich ihre Lieblingskräuter, ein paar Bohnen und jede Menge Tulpen … die stecken wir zusammen in den nächsten Tagen, die Kräuter kommen im Frühjahr 😉

 

„Gutes aus alter Zeit“ oder „der olle Moro hatte es drauf“

Mutti hatte nach vielen Antibiotikatherapien und so manchem Krankenhauskeim einen „sanierungsbedürftigen“ Darm! In den Akutkrankenhäusern und in der Rehaklinik wurde drüber gelächelt, aber wir haben nach Entlassung hier innerhalb von nur 5 Tagen Muttis monatelangen Durchfälle erfolgreich mit Moroscher Möhrensuppe gestoppt!

Das Rezept hat der Ordinarius der Heidelberger Kinderklinik Professor Ernst Moro 1908 nach Hausmitteln kreiert. Damit sanken bei Kindern die Sterbe- und Komplikationsraten infolge Durchfallerkrankungen drastisch.
Die Zubereitung gehörte lange zum Standard auf pädiatrischen Stationen, verlor dann aber durch die Entdeckung der Antibiotika und Antidiarrhoika an Bedeutung. Googelt man heute nach Moroscher Möhrensuppe, wird sie vor allem in Abhandlungen und Foren der Tiermedizin gewürdigt. Und genau daher kannte ich sie auch!

Unserem Kalle hatte sie immer gut geholfen, dann probierte ich sie bei meinem Mann aus, schließlich löffelte auch ich sie bei Durchfall!!! Und ich schwör drauf!

500g geschälte und in Stücke geschnittene Möhren werden mit einer Prise Salz in 1Liter Wasser mindestens 1,5 Stunden lang gekocht! Dann pürieren, wieder auf ca 1Liter auffüllen, kurz aufkochen und 2 bis 3mal täglich eine Portion essen! Oder halt wie bei Mutti 3mal täglich 60ml über die Magensonde geben!

So – und warum jetzt bitte mindestens 1,5, besser 2 Stunden kochen?

Weil erst dann sich bestimmte Stoffe aus den Möhren lösen und die Bakterien und Viren veräppeln 😉

Eine Arbeitsgruppe um Prof. Guggenbichler von der Uni Erlangen und den Wiener Pharmakologen Prof. Jurenitsch hat den Wirkmechanismus aufgeklärt: Beim Kochen entstehen saure Oligogalakturonide, die den Rezeptoren des Darmepithels ähneln und an pathogene Darmkeime andocken.
Sie fungieren wie Analoga, die die Rezeptoren der Keime blockieren und so deren Adhäsion an die Darmwand verhindern. Folglich werden die Erreger ausgeschieden!

Auf Deutsch für Jedermann – Die Erreger docken normalerweise an Rezeptoren in der Darmwand an und machen so Entzündungen und Durchfälle; jetzt vertun sie sich, docken an den ganz ähnlichen Möhrensupperezeptoren an und werden ausgeschieden, bevor sie Schaden anrichten können!

Ich denke, bei leider zunehmenden Antibiotikaresistenzen wird man bald öfter von dieser Suppe hören! P1110036So – und jetzt ran an die Pötte und bei liegenden Sonden das Nachspülen mit Wasser zur Sondenpflege nicht vergessen!

 

Doppelback mit Rügenwalder – dem Traum vom Brötchen einen Schritt näher!

Eigentlich wollte ich chronologisch vorgehen, aber ein ganz wichtiges Zwischenziel in Form einer entrindeten Scheibe Doppelback mit Teewurst ist erreicht. Ich hol mal etwas aus …

Mutti hatte einen ausgedehnten Schlaganfall – unter anderem ist die Region im Gehirn betroffen, die mitverantwortlich für den Schluckreflex zeichnet! Und dieser Reflex, bzw. der Ablauf der vielen verschiedenen Aktiönchen beim Schluckvorgang war stark geschädigt; in der ersten Zeit konnte sie gar nicht schlucken, wurde komplett über eine Magensonde und Infusionen ernährt! Von Anfang an träumte Mutti vom Frühstücksbrötchen mit Marmelade …

Bereits im Akutkrankenhaus begann die logopädische Therapie, um diese Dysphagie weg oder zur Besserung hin zu trainieren … Das war ein weiter schwerer und anstrengender Weg!!! Über mit Pulver angedickte Flüssigkeiten (Wackelpuddingkonsistenz), Quark und Joghurts, Kartoffelpüree, sämige Suppen und auch den ein oder anderen Cappuccino – nach vielen ups and downs/ Rückschlägen, verzweifelten Versuchen und nervigen Auflagen und Schluckregeln … war es heute soweit!!!

Nach dem OK der uns hier begleitenden, sehr engagierten Logopädin durfte Mutti endlich etwas Brot kauen; sie entschied sich für Doppelback mit ihrer Lieblingswurst von der Firma mit der roten Mühle!!!

Sie hats so genossen und ich hab vor Rührung Rotz und Wasser geheult 😉

Auf die nächste Schnitte soll Sahnebuko und der Honig aus der Toskana – gerne doch liebe Mutti 😉

Zum Frühstücksbrötchen müssen wir noch einige Schritte zusammen gehen, aber sie werden leichter sein, viel leichter … weil wir wieder ein kleines Ziel erreicht haben!!!

 

Und plötzlich ist alles anders

Im kleinen roten Häusken im Sauerland wohnen Mutti (77), mein Mann Thomas (55), ich (53) und unser Hund Kalle (6)! Und seit 5 Wochen wohnt auch eine polnische Haushalts- und Pflegehilfe, die liebe Magda, hier – Magda macht das schon 😉

Mutti hatte einen großen Schlaganfall und nach wochenlangem stationären Aufenthalt, ist sie seit 5 Wochen zuhause! Ihre Pflege übernehmen Magda und ich – und seitdem ist halt alles anders …

Ich möchte hier Erlebnisse und Erfahrungen einer pflegenden Angehörigen, Freud und Leid und das ganze Drumherum in lockerer Abfolge dokumentieren. Und weil ich denke, das könnte auch für Andere interessant sein, dürfen Sie/ dürft Ihr gern mitlesen!