Wand der Erinnerungen

Nach dem Schlaganfall oder durch ihn bekam Mutti eine vaskuläre Demenz mit Störungen besonders im Zeitgitter! Sie schmeißt so einiges durcheinander, was die zeitliche Einordnung angeht …

Aber leider nicht nur das! Sie vergißt … und verzweifelt manchmal daran; wenn sie zum Beispiel nicht mehr weiß, wie das Inhaliergerät befüllt wird oder die Namen der Enkel etwas durcheinandergehen, macht ihr das große Angst!

Wir trainieren den ganzen Tag – erzählen uns viel, schauen TV, sie liest Tageszeitung und wir spielen Gesellschaftsspiele! Ich habe magnetisches „Mensch ärger dich nicht“ mit großen Püppchen entdeckt, das man auch mal im Bett spielen kann. Mutti kann es gut greifen und nix fällt runter vom Spielbrett! Ein heißer Tip fürs Weihnachtsgeschenk für Omis und Opis 😉

Oder auch das tolle 3D-Mühle aus Holz, was eine Freundin von Mutti mitbrachte – es ist so kniffelig und spannend! Und ebenfalls „Betttauglich“   😉 mittlerweile spielen wir alle es mit wachsender Begeisterung.

Muttis Schatz aber ist die Wand der Erinnerungen, an der ich so ca. wöchentlich die Fotos, Bilder und Postkarten tausche … bis Mutti zu jedem einzelnen Objekt erzählen kann! Ich hoffe, mit diesem ja noch vielfältigeren Paket an Unternehmungen die Demenz bremsen zu können! Und dennoch – ganz langsam verlier ich Mutti – und das macht mir Angst!

Muttertagsessen im November und ein tolles neues Vogelhaus

Vor vielen Jahren saßen Freundinnen und ich abends an einer Theke und sprachen über Geschenke, bzw. Aufmerksamkeiten zum Muttertag. Lachend stellten wir fest, das jede von uns die Mutter zum Essen ausführt am Muttertag 😉 Wir beschlossen, das mal gemeinsam zu tun!

Seit vielen Jahren treffen wir uns nun jährlich zum Mutter-Tochter-Treffen und auch unsere Mütter sind mittlerweile befreundet! In diesem Jahr konnten Mutti und ich wegen ihres Schlaganfalls nicht am geplanten Treffen teilnehmen – “ …wenn Gudrun und Heike nicht kommen können, verschieben wir …“ beschlossen die Anderen!

Und weil Mutti noch nicht ausgehen kann, lud sie den Rest des Clübchens zum letzten Freitag ein – vorgestern haben wir dann alle zusammen gefeiert, gegessen, gelacht, getrunken, geschwatert, …

Ich hatte herbstlich gekocht und es war ein ganz wunderbarer Abend; Mutti hat es sooooo genossen, sogar ein Gläschen Sekt getrunken 😉 Gute drei Stunden hat sie im Rollstuhl mit am Eßtisch gesessen und anschließend den Besuch in ihrem „Boudoir“ empfangen! Sie saß im Bett und strahlte, war glücklich und zufrieden!

Als Gastgeschenk bekam sie ein tolles Vogelhaus, welches nun vor ihrem Fenster steht – gefüllt mit Meisenknödeln, Mehlwürmchen und anderen Leckereien. Ich hoffe, die ersten Wildvögel finden bald den Weg dorthin, damit Mutti viel zu schauen hat im Winter, der schon an die Tür klopft! Nun ja – zumindest wird sie immer an einen ganz wunderbaren Mütter-Töchter-Abend denken, wenn sie aus ihrem Fenster aufs Vogelhaus schaut!

 

Die einen feiern die Sessionseröffnung, andere Sankt Martin von Tours und wir denken auch an Papa …

Am 11.11. vor 25 Jahren ist mein Vater gestorben! Mutti war erst 52 Jahre alt, als sie Witwe wurde und sie hat nie einen anderen Mann geliebt …

Da Papi schon einige Jahre herzkrank war, Bypässe in der Schweiz in einer Spezialklinik bekam, Mengen an Medikamenten brauchte aber weiter seine filterlosen Zigaretten rauchte, war den beiden klar, sie würden nicht zusammen alt werden! Aber Mutti sagt, sie habe ein schönes Leben an seiner Seite geführt! 4 Kinder, viele viele schöne Urlaubsreisen (da beide im Schuldienst waren, gabs ja auch viel gemeinsame Ferienzeit), der Bau des Hauses, … ganz viele schöne Erinnerungen!

Muttis Leben nach Vaters Tod hat sie sich erkämpft! Es war nicht einfach für sie in den ersten Jahren – aber sie hat jedes Jahr besser gemacht als das vorherige! Der 11.11. allerdings ist für sie immer ein Trauertag – so auch heute! Sie mag nicht aufstehen, nicht essen oder wenigstens ein wenig fernsehen. Heute halten wir besonders lang ihre Hand!

Hier im Sauerland ist es Brauch der Kinder, am Martinstag mit selbstgebastelten Laternen hinter der Musikkapelle laut singend durch das Dorf zu ziehen; nach dem Martinsspiel gibt es dann eine Brezel für jedes Kind! Mutti stammt aus dem Rheinland, aus Ratingen – dort ist es üblich, von Haus zu Haus zu ziehen und dort für Süßigkeiten zu singen. So erzählt sie aus ihrer Kindheit … ihre Mutter wollte das nicht, war zu stolz, daß ihre beiden Mädchen „betteln gingen“ am Martinstag! Also machten Mutti und Tante Heidi es heimlich und versteckten die Kleinigkeiten gut 😉

Die Stickerei von Mutti zeigt Kinder in Schal und Mütze mit Martinslaternen – da wars noch kalt im November 😉